„Nachbarschaft nimmt wieder an Bedeutung zu“

Der Wert der Nachbarschaft sei nicht zu unterschätzen, betonte die Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin Bärbel Fichtl bei den Regional-Workshops „Kultur der guten Nachbarschaft“ der Kultur.Region.Niederösterreich. „In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung nehmen Nachbarschaften wieder an Bedeutung zu. Der Wunsch nach realen Begegnungen und Austausch wächst, da Menschen zunehmend nach Gemeinschaft, Zugehörigkeit und gegenseitiger Unterstützung im direkten Umfeld suchen.“

In Wiener Neustadt, Wolkersdorf und Wilhelmsburg sprach die Expertin über Toleranz und Akzeptanz als Schlüssel zu einer gelingenden Nachbarschaft. „Jeder Mensch ist unterschiedlich! In der Stadt wird Nachbarschaft anders gehandhabt als am Land, in der Stadt wollen die Leute mehr Ruhe und am Land kommt man mehr zusammen.“ Bevölkerungsgruppen wie Alleinerziehende und Kinder sowie die ältere Generation seien zudem vermehrt auf nachbarschaftliche Kontakte angewiesen. Sie vermittelte den Teilnehmenden nicht nur Good-Practice-Beispiele und jede Menge Fakten und Erklärungen, sondern auch konkrete Tipps. „Wenn etwas störend empfunden wird, sollte man nie Gespräche in emotional hochgeschaukelten Situationen führen, sondern erst abwarten und dann bei einem Getränk in Ruhe besprechen“, so Fichtl.

Neben Tipps und Infos war Vernetzung im Fokus

Die Teilnehmenden kamen im Bildungszentrum St. Bernhard in Wiener Neustadt, im Schloss Wolkersdorf sowie im Wilhelmsburger Geschirr-Museum zusammen, um ihren Kontakt mit der Nachbarschaft zu verbessern und eine wertschätzende Gemeinschaft aufzubauen oder zu erhalten. Viele nutzten intensiv das Angebot der Vernetzung und des Erfahrungsaustausches. Martin Peter etwa betonte: „Die Nachbarschaftshilfe kommt ja daher das in früheren Zeiten ohne gegenseitiger Hilfe nicht überleben konnte in diesen kleinen Dorfgemeinschaften. Der Sozialstaat hat dann das Zusammenarbeiten weitgehend überflüssig gemacht. Durch dieses doch sehr dichte Netz an sozialen Absicherung ist es nicht mehr so notwendig, auf solche Hilfen angewiesen zu sein. Das ist aber, glaube ich, gerade in Änderung. Der Wunsch nach Nähe in einer Gesellschaft, die sich durch die sozialen Medien und anderes ein bisserl voneinander distanziert hat, ist da. Die Pandemie hat unter anderem gezeigt, dass der Kontakt über Soziale Medien eine reale Kommunikation nicht ersetzen kann.“ Siegbert Nagl, Gemeinderat in Tullnerbach, hielt fest: „Ich glaube, dass sich grundsätzlich keiner als schlechter Nachbar fühlen wird. Vielfach unterstützt man einander mit der klassischen Nachbarschaftshilfe beim Sanieren der Häusern und kommt dadurch gut zusammen. Der eine kann das, der andere kann was anderes, und so hilft man sich gegenseitig aus.“ Vocal Coach Eva Wanner aus St. Pölten gab wiederum ein Good-Practice-Beispiel: „Ich wohne seit 18 Jahre in einer Wohnhausanlage, da machen wir einmal jährlich ein Nachbarschaftspicknick im Hof und zudem Tauschmärkte. Wir haben ein tolles Auskommen miteinander. Wir reden generell viel miteinander ,wenn wir uns im Stiegenhaus sehen, fragen wies einem geht. Wir kümmern uns einfach umeinander. Ich hab das Gefühl, dass wir eine ungewöhnlich gute Nachbarschaft haben.“


Die Workshopreihe ist eine Veranstaltung im Rahmen der 2024 gestarteten Initiative „Nachbarschaft leben“.
Weitere Infos gibt es unter www.nachbarschaftleben.at.

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